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    Die Geschichte der Stiftung reicht zurück in das Jahr 1847. Damals weilte der niederländische Pastor Ottho Gerhard Heldring zu einer Kur in der Kaltwasserbadeanstalt Marienberg in Boppard. An einem Sonntag legte er Freunden im nahen Bad Ems das 34. Kapitel des Propheten Hesekiel aus und wurde dabei ganz besonders von den Versen 4 und 16 ergriffen:

    "Der Schwachen wartet ihr nicht, und die Kranken heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht, und das Verlorene sucht ihr nicht, sondern streng und starr herrscht ihr über sie.
    16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte wiederbringen und das Verwundete verbinden und des Schwachen warten; aber was fett und stark ist, will ich vertilgen und will es weiden mit Gericht."

    Heldring gelobte damals dem Herrn, das Verlorene wiederzusuchen, dem Verirrten nachzugehen und es heimzuholen. Zurück in den Niederlanden begründete bereits 1848 das "Asyl Steenbeck", von dem aus später wichtige Impulse für die Schaffung ähnlicher Einrichtungen in Deutschland ausgingen.
    Heldrings Beispiel und Wicherns aufrüttelnder Aufruf auf dem Wittenberger Kirchentag 1848 fanden besonders in der rheinischen Kirche Beachtung. 1849 bildete sich der Landesausschuss für Innere Mission im Rheinland, 1850 beschloss die Provinzialsynode in Koblenz, dass die Kirche die Innere Mission nach besten Kräften schützen und mit allen Mitteln fördern solle.

    1853 war es der Koblenzer Pfarrer Theodor Ferdinand Schütte, der den rheinischen Provinzialausschuss für Innere Mission dafür gewann, über die Einrichtung von Zufluchts- und Rettungshäusern und die Einrichtung eines "Magdalenen-Asyls" nach Heldrings Vorbild in der Mittelrhein-Region nachzudenken. Im selben Jahr entstand in Koblenz, verbunden mit dem Stift St. Martin, eine Herberge für dienstlose evangelische Mägde.

    Doch noch immer drängten die Probleme der wachsenden Industriegesellschaft. Am Himmelfahrtstag 1854 traf in Koblenz ein Kreis evangelischer Frauen und Männer zusammen. Gast war Ottho Gerhard Heldring, der in einem "ergreifenden Vortrag" die Versammlung in ihrem Vorhaben bestärkte, ein eigenes Asyl zu begründen. Die Versammlung endete mit der Gründung des "Comitees zur Gründung eines Magdalenen-Asyls in der Nähe von Coblenz", kurze Zeit später wurde unter Beteiligung bedeutender Koblenzer Persönlichkeiten der "Evangelische Verein behufs Gründung eines Magdalenen-Asyls " ins Leben gerufen.

    Das Jahr 1854 verging mit der Besichtigung verschiedener möglicher "Lokalitäten", die sich aber durchweg als ungeeignet erwiesen. So wurde dann im Frühjahr 1855 zunächst mit Amalie Göschen zwar eine geeignete Vorsteherin für das Asyl gefunden, ohne daß jedoch das Unterbringungsproblem gelöst war. Frau Göschen nutzte die Zeit, um sich im "Asyl Steenbeck" von Pastor Heldring auf ihre Aufgabe vorzubereiten.

    Im Sommer 1855 ergab sich dann auf Vermittlung des Oberpräsidenten der Rheinprovinz, von Kleist-Retzow, schließlich die Möglichkeit, das ehemalige Franziskanerkloster St. Martin in Boppard zu nutzen. Mit einer Hauskollekte und einer vom Oberpräsidenten in dessen Bekanntenkreis persönlich vorgenommenen Sammlung wurden die notwendigen Mittel aufgebracht, um Renovierung und Ausstattung zu finanzieren.

     

     

     

    Am 20. Dezember 1855 wurde das Magdalenen-Asyl Boppard zu St. Martin eröffnet, mit zunächst vier "Asylantinnen", die Frau Göschen aus Elberfeld mitbrachte.


    Amalie Göschen blieb Vorsteherin des Asyls bis 1898. Erst mit 85 Jahren legte sie ihr Amt nieder. In handschriftlichen Aufzeichnungen von Amalie Göschen, die im Archiv der Stiftung erhalten sind, finden sich erschütternde Lebensläufe der damaligen "Asylantinnen". Viele entstammten den Zentren der blühenden Industrie und hatten die Schattenseiten der damaligen rapiden gesellschaftlichen Entwicklung kennen gelernt. Obdachlosigkeit, Prostitution, Gewalterfahrungen waren die Regel. In St. Martin wurden die jungen Frauen an einen geregelten Tagesablauf herangeführt und ihnen eine hauswirtschaftliche Ausbildung vermittelt, um sie so in die Lage zu versetzen, später einmal selbständig leben zu können und ihren Lebensunterhalt selbst zu bestreiten.

    Die Kosten für den Aufenthalt wurden in der Regel von Kirchengemeinden, aus denen die jungen Frauen stammten, getragen, von dort ansässigen Vereinen für Innere Mission oder aber den Pfarrern. Die staatliche Unterstützung beschränkte sich auf die Überlassung der Räumlichkeiten.

    Die zerstörte Martinskapelle des ehemaligen Klosters konnte wieder hergestellt und 1858 eingeweiht werden. Sie dient der Stiftung bis heute als Gotteshaus.

    Schon bald musste sich das Asyl um neue Räumlichkeiten bemühen, da das frühere Klostergebäude im Eigentum des preußischen Staates einer Verwendung als Gefängnis für männliche Jugendliche zugeführt werden sollte. So wurde das gesamte Asyl im Sommer 1857 vorübergehend im angemieteten "Haus Kalt" in Boppard untergebracht.

    Im Sommer 1858 wurde der Grundstein gelegt für einen Neubau "über der Stadt", der den Namen "Bethesda" erhielt. Dies wurde möglich durch Sammlungen in zahlreichen mittlerweile entstandenen "Localvereinen", z. B. in den Kirchengemeinden Elberfeld, Wesel, Bonn, Duisburg, Ruhrort, Coblenz. Die Fertigstellung wurde dann nochmals unterstützt durch eine Spende des Prinzregenten und eine Sammlung in Wuppertal.

    Am 3. August 1859 wurde das neue Haus "Bethesda" eingeweiht und die Asylarbeit dort fortgeführt. Nach Schließung des Jugendgefängnisses im früheren Kloster St. Martin standen auch die dortigen Gebäude wenige Jahre später wieder zur Verfügung.



    Ralf Schulze

    Der geschichtliche Rückblick stützt sich im wesentlichen auf die Jubiläumsschrift von Hajo Knebel "Bethesda - St. Martin - Festschrift zum 125jährigen Bestehen der Stiftung zu Boppard", Boppard 1982.

     

     

    • Ottho Gerhard Heldring
      Ottho Gerhard Heldring
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